R E V I E W
 
Vom Jagen
 

Einführungstext von Beate Naß
zur Ausstellungseröffnung Tina Oelker im Kunstverein Hamm - Westf., 2007

Kennen Sie die Bilder von Tina Oelker?
Spätestens jetzt in dieser Ausstellung werden Sie einige gesehen haben und das heißt: Sie wissen mehr als ich. Denn ich kenne nur einige ihrer früheren Bilder im Original, viele dagegen nur vom Foto her und die neuesten schon gar nicht, oder jedenfalls nur das, was davon übrig bleibt, wenn fotografierte Malerei per E-Mail verschickt wird.

Nicht gerade die besten Voraussetzungen, einen Text zur Ausstellungseröffnung zu schreiben, wie es sich Tina von mir gewünscht hat. Denn, um das der Verständlichkeit halber einzuflechten, wir hatten zunächst andere Pläne für andere Texte. Und als ich Tina das erste und bislang einzige Mal in ihrem Hamburger Atelier besuchte, hatten wir bis dahin nur telefoniert und wollten uns erst einmal persönlich „beschnuppern“. Vor allem wollte ich mich ganz langsam mit ihren Bildern vertraut machen. Später verhinderte der weite Weg von Augsburg nach Hamburg vertiefende spontane Besuche. Doch dann kam plötzlich die Bitte, schreib´ doch mal was für meine Ausstellung.

Nach anfänglichem Zögern merkte ich, dass es so unmöglich gar nicht ist, über etwas zu schreiben, was man so gut nicht kennt. Jedenfalls hoffe ich, dass Ihnen die folgenden Anmerkungen ein paar Hinweise zum Sehen und Verstehen geben können.
Denn der Besuch, die Gespräche, die Bilder, hatten Spuren hinterlassen. Die Erinnerung an eine Malerei voller Lebenskraft, an eine lustvolle Malerei zwischen Lachen und Tränen. Auf der Staffelei stand damals ein Bild, das anders war, als die Bilder vorher, ein großes Format, überbordend von vibrierenden Pinselstrichen, dazwischen auch Flecken, die noch unsicher wirkten, aber es sein durften, weil die Stimmung des Bildes mitriss und weil man sah: Da bahnt sich etwas Neues an.

Tatsächlich konnte, als Tina mir per E-Mail weitere Fotos ihre Bilder schickte, auch die Elektronik die wichtigsten Merkmale ihrer Malerei nicht glätten. Sie teilen sich sogar noch über die elektronische Reproduktion mit: Die manchmal fast kämpferische Stimmung, die ausgeprägte Körperlichkeit, das wühlende Suchen und Kratzen nach Antworten; die mal heiter sinnenfrohe, manchmal beklemmend schmerzliche oder gar morbide Erotik. Dazu passt, dass, soweit ich weiß, ein männlicher Kollege diesen Text vorlesen wird: Denn die Ambivalenz und der Zwiespalt von männlich-weiblich, von Anziehung und Abstoßung, von schmerzlichem Begehren und trotziger Ablehnung, bilden einen Schwerpunkt ihrer bildnerischen Auseinandersetzungen.

Und noch eines wird durch im Computerbild zwar gemildert, bleibt aber in seiner Aussagekraft erhalten: Die Kongruenz, die Übereinstimmung von Motiv, Pinselduktus und Bildatmosphäre. Für mich teilen sich Stimmung, Temperament und Atemlosigkeit fast stärker über die Pinselführung mit, über den oft ungestümen Farbauftrag und die Zerrissenheit von Farbflächen, als über das Motiv selbst.
Kurz gesagt - die drängende Ruhelosigkeit und Wucht, in denen Gefühle, Gefühlsattacken, sehr direkt, sehr nackt, ausgebreitet werden, durchdringen auch die kühle Oberfläche der E-Mails und schaffen es, Gefühle beim Betrachter zu provozieren, um nicht zu sagen zu attackieren.

Was sich im Foto nur andeutet, werden Sie vor den Originalen umso deutlicher erleben: Gefühle werden nicht geschont. Die der Betrachter nicht, aber, und das sei nicht vergessen, schon gar nicht die der Malerin.
In diesen neuen Bildern geht sie fast schonungslos mit sich um. Oder, um es positiv zu wenden: In diesen Bildern hat sie sich frei gemalt. Hat zumindest viele der Grenzen gesprengt, die noch vor etwa zwei Jahren ihre Kunst wie unter einem Deckel hielten. Was sie selbst merkte, was sie auch störte.
Denn oft erfordert es Mut, Grenzen, vor allem die selbst gesetzten, zu überwinden. Nicht nur den Mut zur intensiven Selbsterforschung, die Tinas Alltag selbstverständlich mit allen Höhenflügen und Seelenstürzen begleitet. Sondern auch den Mut, das Erforschte und Erkannte und vielleicht noch gar nicht richtig Verdaute malerisch umzusetzen und vor aller Augen auszubreiten.

Diese neue Freiheit ist faszinierend zu sehen, vor allem, wenn ich an die Motive denke, aus denen heraus sie sich entwickelt hat. Gut vor Augen habe ich den Hasen und die Braut. Zwei Symbole, die für meinen Geschmack fast ein bisschen zu trivial sind, die sie auch relativ plakativ einsetzt, aber auch gleichzeitig mit einem ordentlichen Schuss Provokation verbindet. Die Braut kann in ihrem weißen Kleid zwar bräutlicher und angepasster kaum sein. Doch in das Brautkleid hat Tina Oelker das Erkennen gleich mit eingewoben:
Das Bewusstwerden um ihre maskulinen Kräfte, die sie neben ihrer Weiblichkeit hat; das Bewusstwerden um die Chancen, aber auch um die Einsamkeit, die das mit sich bringt.
Häufig tauchte in ihren Bildern ein Gewehrlauf auf, aggressiv auf die Bildbetrachter gerichtet. Oder triumphierend nach oben gereckt über dem erlegten Wild - das wahlweise ein Hasen, ein Hirsch, Mann oder Frau sein kann. Mann und Frau, die sich jagen, die nach dem Glück jagen, die manchmal ein Stück davon erbeuten und dann nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, sind ein großes Thema ihrer Bilder. Denn besonders glücklich oder gelöst wirken die Figuren in diesen älteren Bildern Tina Oelkers eigentlich nie. Sie sind immer unterwegs, rastlos auf der Suche nach der Welt und der Welt, die sich in ihnen selbst verbirgt. Auch auf den neuen Bildern, die ich ja leider nur auf meinem Computer sehe.

Es sind schöne Körper dabei, muskulös, voller Bewegung, mal tänzerisch, mal sportlich und fast möchte man dem Salto der Schwimmerin folgen. Doch die Gesichter sind ernst oder in sich gekehrt. Die Intensität, mit der sich diese Figuren und mit der sie ihre Betrachter konfrontieren, scheint manchmal fast zu groß.
Aber manchmal muss man drängen und die Kräfte ausreizen, um Antworten zu erhalten. Und wenn es dabei zu eruptiven Ausbrüchen wie auf dem Bild  „Fruits“ kommt, bedeutet das für mich nicht nur eine malerische Herausforderung und die spannende Frage, wie Tina diese Explosionen steigern wird. Ob sie sie ordnen oder ob sie noch mehr hochgehen lassen wird.
Dieses Bild ist auch eine Frage an die Betrachter, auch an mich: Die Frage nämlich, wie eng man die eigenen Grenzen erträgt. Und wann man den Mut aufbringt, endlich die eine oder andere Grenze zu sprengen.

Beate Naß
(Kunsthistorikerin und Feuilleton Journalistin)


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